Jon Groom

Jon Groom

"Wenn aus Bildern Kunst wird, können sie Leben erschließen"
- Gedanken zur Kunst von Jon Groom und Sean Scully - von Wilhelm Christoph Warning

In einem Gespräch, das er im Dezember 2003 führte, stellte Jon Groom fest: „I enjoy painting and that is what I do. Painting is a journey to simplify the complexity of existence." Sean Scully formulierte in seinen Worten eine ähnliche Haltung dem Malen gegenüber, als er 1995 bemerkte: „Wenn aus Bildern Kunst wird, können sie das Leben erschließen."
Zwischen beiden Malern, die so lange schon befreundet sind, gibt es zahlreiche Beziehungslinien und Verknüpfungen. Längst hat sich aus dem Grundgefühl zur Welt eine Art von Geistesverwandtschaft entwickelt.
Diese Gemeinsamkeiten lassen sich auf Grund der höchst unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksweisen allerdings nicht ohne weiteres erkennen. Es sind weniger formale Ähnlichkeiten oder gar Übereinstimmungen, wenngleich und auf den ersten Blick sichtbar beide Künstler mit Farbschichtungen arbeiten und die Grundstruktur ihrer Bilder geometrisch aufbauen. Und während Jon Groom sagt, er habe immer die Spiritualität eines Mark Rothko mit Sol LeWitts geradliniger Idee eines sich multiplizierenden Rechtecks und Kubus zusammenbringen wollen, merkt Sean Scully an, er käme aus minimalistischen Tradition und verweist darauf, daß er gleichzeitig die Inhaltlichkeit vorantreiben wolle. Oder, wie es Armin Zweite ausgedrückt hat: „Er (Scully) gilt als abstrakter Maler, dem es vorrangig darum geht, das ungegenständliche Vokabular emotional aufzuladen." Auch hier ertönt leise eine gemeinsame Grundmelodie der beiden. Die allerdings klingt damit schon weit unter der Oberfläche des rein Formalen, in der Tiefe des Inhaltlichen.
Eine, wenn auch zunächst zufällig scheinende Gemeinsamkeit mag auch sein, daß beide Maler für die Ausstellung in Gmunden Bilder in Betracht gezogen haben, deren Titel auf eine gewisse Verwandtschaft hinzudeuten scheinen: Scully's großes Bild „Wall of light - Dusk 04", also „Abenddämmerung" und „The cycles of the day", wie Jon Groom die Folge von sieben Bildern benannt hat.

 
Die Titel verweisen nicht nur auf das für die Entfaltung und Wirkung jeder Farbe unabdingbare Licht. Tatsächlich verändern sich die Arbeiten von Sean Scully, stärker noch die Bilder von Jon Groom mit dem Licht.
Die Farbzusammensetzungen, die Schicht um Schicht delikat und mit großer Erfahrung austarierten Mischungen, die Grooms strengen geometrischen Flächen Raum und Körper geben, scheinen - je nach Form und Intensität der Beleuchtung - ein Eigenleben zu führen. Ein Braun etwa beginnt seine Rot- und Blautöne preis zu geben, oder verändert sich hin zu einem matten Kupferton, der plötzlich aufscheint. Vorher wirkte es erdig gedeckt, Farbe und Wärme schluckend, speichernd. Jetzt tritt Kristallines in den Vordergrund, wird das Licht reflektiert. Verändert sich die Position des Betrachtenden, kann die Farbe im nächsten Augenblick schon stumpf werden, fahl. Die Bilder von Jon Groom verbinden damit Widersprüche auf vielfache Weise und bringen polare Beziehungen zueinander: Sie scheinen räumlich und tief, und gleichzeitig flächig, geradezu flach. Sie wirken wie traditionelle Tafelbilder und haben genauso objekthaften, fast skulpturalen Charakter. Sie sind transparent und undurchdringlich. Sie scheinen weich und durchlässig und im selben Maß hart und zurückweisend. Sie wirken hell und glänzend und ebenso dunkel und absorbierend. Es ist, als ob Jon Groom seine Bilder mit vielen gegensätzlichen Möglichkeiten aufgeladen habe, die je nach Licht und Standpunkt des Betrachtenden Aspekte ihrer selbst Preis geben. Mit aller Vorsicht und jenseits aller okkulten Spekulation läßt sich sagen, daß er seinen Bildern eine gewisse Selbständigkeit in ihrem Sein gegeben hat, und er spricht auch davon, daß sie ebenso die Betrachtenden ansähen wie die Menschen die Bilder betrachteten.
Jedenfalls setzen die Bilder Bewegung voraus, will man sie auch nur annähernd in der Vielfalt ihrer potenziell vorhandenen Fülle wahrnehmen. Die Bewegung der Menschen, die diesen Bildern begegnen und damit auch die Bewegung des Lichtes, das die Farben zum Leben erweckt und verändert.
Das erlaubt den Hinweis darauf, daß die Bilder Jon Grooms, in denen er gegensätzliche Pole zu einem Ganzen zusammenfügt, auch als Metapher für das Leben, für die wie der Maler sagt, „Widersprüchlichkeit der Existenz" verstanden werden können. Alle Aspekte des Bildes sind erfahrbar, denn das Kunstwerk birgt diese Fülle. Sie erschließen sich aber nur in der Bewegung. Das, heißt es, sei auch die Tragödie allen Seins, daß das Leben dem Menschen nur durch sein physisches Entstehen, sein Vergehen und sein Ende, also durch Geburt, Vergänglichkeit und Tod bewußt wird. Worauf die Bewegung, die ja für Menschen denkbar nur in Raum und Zeit möglich ist, hinweist. Dem entspricht, wie ein Reflex, die Bewegung im Betrachten der Bilder Jon Grooms. Sie lassen sich nur so, sich in Zeit und Raum bewegend, erfahren und damit erschließen.
Die eigentümliche Koinzidenz der Auswahl, den die beiden Künstler getroffen haben – des großformatigen Bildes von Sean Scully „Wall of light - dusk 04" und der Bilderfolge „The cycles of the day" von Jon Groom – legt den Bezug zur Bewegung in Raum und Zeit, zum Werden und Vergehen besonders nah.
Zumal Sean Scullys „Abenddämmerung" ein dunkles, fast schwermütiges, jedenfalls melancholisches Werk ist, das deutlich an Verlöschen erinnert. Der Maler sagt, seine Bilder vermittelten oft das Gefühl von Verlust. Einer der schlimmsten Erfahrungen des menschlichen Lebens sei es, daß einem, während man lebt, das Leben zugleich weggenommen werde. Ein Prozeß, der sich vor dem Bild fast körperlich vermittelt: Das Licht ist in tieferen Schichten verborgen und scheint nach innen zu strahlen, nur noch sichtbar an den Rändern der Farbfelder, die sich wie Schatten undurchdringlichen Dunkels darübergelegt haben. Ein fast undefinierbares Schwarz lagert hier, dem vielleicht auch tiefere blaue Schichten zugrunde liegen, und die hellere Rechtecke mit grauem oder türkisem Anteil verstärken den Eindruck noch. Das starke Rot sitzt spannungsvoll neben einem Blutbraun, erdiges Dunkelbraun schluckt, wie das Schwarz, das Licht. Ein komplexes Geflecht der Beziehungen. Statisch wirkt die geometrisch angeordnete Bildstruktur nur auf den ersten, schnellen Blick. Tatsächlich vibrieren die farbigen Rechtecke fast, scheinen miteinander in Bewegung, so, als ob sie sich immer wieder verschöben. Die Fläche des Bildes ist nur scheinbar flach. Denn manche Farben vermittelt saugende Tiefe, während andere den Blick in einen Raum darunter oder dahinter fast verweigern. Oder sich abstoßen und anziehen und dem Bild trotz der Ruhe und Dunkelheit doch Vitalität und Dynamik verleihen. So sei seine Malerei, sagt Sean Scully, eine Malerei voller Widersprüche und Spannungen.
In dem Bild „Wall of light – dusk 04" sind Widersprüche zu einem kraftvollen Ganzen zusammengefügt, sind polare Beziehungen formuliert, sind alle Möglichkeiten in einem Augenblick gegenwärtig. Dunkel und Hell, Offenheit und Verschlossenheit, Fläche und Tiefe, Kälte und Wärme, Zartheit und Gewalt. Eben auch: Vergänglichkeit und Gegenwärtigkeit. Denn im Bild ist alles, was es zeigen kann, fixiert. Es ist an Ort und Stelle jenseits der linearen, der vergehenden Zeit als Möglichkeit simultan, auf einmal und zur Gänze gegenwärtig. Der Maler hat diese Gleichzeitigkeit im Ungleichzeitigen selber so formuliert: „Ich bringe die Sachen zusammen, um eine Art von wuchtigem Zusammenprall zu erreichen zwischen ihnen. Damit möchte ich eine sofortige Reaktion erreichen, wo das Gemälde zu einem Bild wird mit einem Körper. Zu einem Bildkörper, physisch, mit eigener Persönlichkeit, mit eigener Fleischlichkeit und eigenem Gewicht. Alles geschieht da dann zur selben Zeit. Dieser Zusammenprall der verschiedenen Formen. Diese Beziehung existiert bereits, und damit eingeflossen und verkörpert ist eine Art Sinnlichkeit. All das existiert, noch ehe die Augen das wahrnehmen. Eine physische Sinnlichkeit. Natürlich auch Farbe, Licht, Effekt, und all das dringt über die Augen direkt in die Seele ein. Und das ist das Einzigartige am malerischen Denken. Nur Malerei ist dazu in der Lage."
Eine Sinnlichkeit der emotional erfahrbaren Farben, die, wie bei allen Bildern von Sean Scully, eine spannungsvolle Synthese eingehen mit der rationalen Ordnung seiner Bildstruktur. Jon Groom dagegen begreift sich nicht als Künstler, der sich, wie sein Freund und Kollege, im Malen kämpferisch dem wuchtigen Zusammenprall überläßt, sondern Malen gleicht für ihn eher einem meditativen Akt. Seine Malerei atmet Ruhe, trotz aller Bewegung, die bei ihm auf anderer Ebene stattfindet. Stärker als Scully nutzt er die selbstgewählte Beschränkung strenger geometrischer Bildstrukturen, die der Farbe und ihrer transzendierenden Kraft Raum und Spannung gibt. Er sagt, daß erst Disziplin zum Erkennen des Selbst und zur inneren Befreiung führe.
Beide jedenfalls arbeiten, wenn auch auf je unterschiedliche Weise, mit der Dialektik der Widersprüche, deren Synthese als spannungsvolle Gemeinsamkeit polarer Beziehungen in den Bildern angestrebt wird. Der malerische Versuch, diese Synthese gleich einer Coincidencia Oppositorum zu erreichen, kann als Sehnsucht nach der verlorenen Einheit des Menschen verstanden werden, der wieder zur Ganzheit, zur Synthese strebt. Die frühen christlichen Mönchsväter sprachen davon, daß zur Gotterkenntnis die Offenheit des Intellekts für die Unendlichkeit Gottes gehöre, daß aber die eigentliche Quelle der Offenheit das Herz sei. Deshalb müsse der Intellekt im Herzen ruhen. Setzt man nun anstelle des Wortes „Intellekt" die „rationale Bildstruktur", und anstelle des Begriffs „Herz" die Farbe und die mit ihr verbundene Emotion, dann bedeutet dies, daß die Farbe die Bildstruktur transzendiert, auf eine andere, höhere Ebene hebt. Ein Wunsch, den Jon Groom einmal als Sehnsuchtspunkt seiner Malerei formuliert hat.
Das erste Bild seines Zyklus „The Cycles of the day" ist ein Werk, in dem dies spürbar ist. Die Leichtigkeit, Helle und Frische der Farbe bringt die strenge, geometrische Form geradezu in ein vibrierendes Schweben. Die Struktur des bläulichen Farbauftrags wirkt luftig, voll leichter Durchlässigkeit und Transparenz und ist doch gefaßt in eine exakt berechnete Bildarchitektur, deren Maßverhältnisse zur Gesamtfläche genauestens mathematisch austariert sind. Das Bild weckt, vermutlich auch wegen des Titels, starke innere Assoziationen. Jenseits aller Interpretation, die sich angesichts der Abstraktion in Grooms Werken ohnehin verbietet, tauchen Vorstellungen auf von Weite und unendlicher Ferne, von klarem Morgenlicht, von Bewegung und Ruhe. Und erinnert in dem Gefühl von Ausschnitthaftigkeit an einen Blick aus dem Fenster. Als Topos findet sich dieser Blick aus dem Fenster in der Malerei der Frühromantik. Hier, bei Jon Groom taucht er auf, ohne historisch rückblickend zitiert worden zu sein. Auch Sean Scully bezieht sich immer wieder auf das „Fenster" als Metapher für den Blick hinaus oder hinein. Das ist sicher eine der tiefer tönenden Gemeinsamkeiten der beiden befreundeten Maler.
Das Fenster. Es verweist ganz unmittelbar auf das Verhältnis von hier und dort, innen und außen, diesseitig und jenseitig. Und es zeigt den Ausschnitt des Drinnen oder Draußen. Sean Scully verweist auf den „Landscape" -Charakter seiner Malerei. Und Jon Groom spricht vom Bild als einem „Spiegel", durch den man das „Erhabene" betreten könne. Die beiden wundervollen Sepien, auf denen Caspar David Friedrich 1805/06 den Blick aus seinem Atelier über die Elbe zeigte, befassen sich eben damit, dem Innen und dem Außen. Die Erfahrung des Ausschnitthaften, Fragmentarischen, die sich bereits in der Renaissance erkennen läßt, wird in der Frühromantik zu einer steten Begleitmelodie, die bis heute und heute, nach dem Zusammenbruch der weltlich-materialistischen Glücksutopien, deutlicher den je zu vernehmen ist. Verbunden damit ist das Gefühl für den Verlust der Ganzheit mit aller Entfremdung und die Sehnsucht nach universalem Zusammenhang. Die Bilder beider Maler, von Groom wie Scully, wurzeln letztlich in diesem romantischen Grundgefühl. Beide Künstler beschäftigen sich immer wieder mit der Frage, ob und in wie weit das Innen und das Außen und ihre wechselwirkende Beziehung sich auf das Innere des Menschen und die Welt beziehen, in die er hineingeboren ist. Und, darüber hinaus, in wie weit Malerei transzendierend eine Ahnung der verlorenen und deshalb ersehnten göttlichen Ganzheit vermitteln kann.
Wie Jon Groom festgestellt hat: „Painting is a journey to simplify the complexity of existence. I believe the approach to painting is all important" Und Sean Scully ergänzt gleichsam: "Es genügt, daß man den Kern der Sache einen Augenblick lang trifft – danach gibt es nichts mehr zu sagen. ... In einem gewissen Sinn hat das Leben für einen Künstler danach keinen Sinn mehr, denn dein Leben ist diese Suche und das Bemühen, dieses Bild zu schaffen, das irgendwie die Wahrheit repräsentiert."

Jon Groom wurde 1953 in Powys, Wales, geboren.

Er lebt und arbeitet in München und Wales.

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